Inzwischen senkte sich die Sonne und verschwand in einem rot glühenden
Himmel, der die Silhouetten der Bäume rot aufleuchten ließ. Nach
und nach verstummte auch der Gesang der vielen Vögel. Jetzt aber
begann die Mückenplage. Tausende Moskitos stürzen sich auf uns,
und wir wußten nicht mehr, wie wir uns wehren sollten. Wir sahen,
wie am Flußufer einige Boote mit Handharpunen und Leinen beladen
wurden. Zweifellos wurden diese Boote für eine nächtliche Krokodiljagd
klargemacht. Wie aber konnten wir erreichen, dass man uns mitnahm?
Durch vorgetäuschtes Kaufinteresse und einigen US-Dollar als "Anzahlung"
war man schließlich bereit, uns mitzunehmen.
Nach
Einbruch der Dunkelheit bestiegen wir mit den Wilderern die Boote
und legten ab. Mit einem starken Außenbordmotor flitzte das Boot
über einen spiegelglatten Urwaldsee, der wiederum in kleine Flußarme
auslief. Im Licht des Halbmondes wirkte der Urwald gespenstisch.
Zeitweise fuhren wir durch dicke Nebelschwaden, die sich wegen der
hohen Luftfeuchtigkeit dicht über dem Wasser bilden. Plötzlich begannen
die drei Bootsbesitzer, die mit Colts und Gewehren schwer bewaffnet
waren, zu debattieren. Einer der drei schaltete einen hellen Halogen-Scheinwerfer
an, der ca. einen Kilometer weit den schmalen Flußlauf hell ausleuchtete.
Die üppige Urwaldflora war mit einem Schlag in leuchtende Farben
getaucht. Einer der Männer stieß uns an und zeigte nach vorne, wo
auch wir jetzt reflektierende Punkte erkannten. Das mussten die
Augen von Kaimanen sein! Die Geschwindigkeit des Bootes wurde gedrosselt,
und nun glitten wir fast geräuschlos auf die reflektierenden Krokodilaugen
zu.
Uns war klar, was sich nun abspielen würde. Wir mussten uns zusammennehmen,
um uns nicht zu verraten. Zum Schein versuchten wir zu lächeln und
zustimmend zu nicken, um nur nicht das Misstrauen der Männer zu
wecken. Nun sprang ein etwa 30-Jähriger auf, ergriff eine Handharpune,
die an der Spitze mit mehreren Widerhaken und am Ende mit einem
Seil versehen war, und hob diese Lanze in Angriffsposition über
den Kopf. Der Kaiman, von dem man nur die leuchtenden Augen sah,
lag vom Scheinwerferlicht geblendet bewegungslos im Wasser. Auch
der zweite Mann machte sich jetzt zum Angriff fertig. Offensichtlich
befand sich in unmittelbarer Nähe des scheinbar großen Tieres noch
ein kleineres. Zwischen dem Boot und den Kaimanen lagen nur noch
wenige Meter. Uns begannen die Knie zu zittern. Wir ahnten, welche
Qual den Tieren bevorstand. Wir fanden es merkwürdig, dass der Wilderer
seine Schußwaffe nicht gebrauchte. Aber wir sollten den Grund hierfür
später erfahren.
Jetzt waren wir fast an die Kaimane herangekommen, die immer noch
wie versteinert im Wasser lagen. Da flog die erste Harpune und bohrte
sich in den Rücken des größeren Kaimans, die zweite Harpune folgte
und traf auch das kleinere Tier. Das Wasser färbte sich vom Blut
der Krokodile rot. Die Tiere schlugen wild um sich, so dass wir
befürchteten, das Boot würde umkippen. Der Bootsführer gab nun wieder
Gas und steuerte ans Ufer. Die Kaimane, die immer noch furchtbare
Schmerzenslaute von sich gaben, wurden wild schlagend hinterher
gezogen. Als wir das Ufer erreicht hatten, sprangen zwei Männer
aus dem Boot und zogen die Leinen mit den Kaimanen an Land. Im Scheinwerferlicht
konnten wir erkennen, dass den Kaimanen schnell eine Drahtschlinge
um das Maul gezogen wurde, damit sie nicht beißen konnten. Dann
zogen die Männer große Messer aus ihren Gürteln und begannen die
von zwei Männern festgehaltenen Tiere bei lebendigem Leib zu enthäuten.
Wie wir erkennen konnten, wurde nur die Bauchdecke bis zu den Seitenflanken
rausgeschnitten. Der ganze Vorgang dauerte nur Minuten, und schon
ging die Fahrt auf die nächsten Opfer zu. Zurück blieben die halb
enthäuteten, immer noch grell schreienden Kaimane. Erst im Morgengrauen
war das Gemetzel zu Ende.
Wir hatten eine Nacht verbracht, die selbst in einem Horrorfilm
nicht darzustellen wäre. Unsere Nerven waren bis aufs äußerste belastet.
Trotzdem durften wir uns nichts anmerken lasse. Wir erinnerten uns
immer an die Warnungen, die uns die Leute der staatlichen Naturschutzorganisation
IBDEF über die Gefährlichkeit dieser Wilderer auf den Weg gegeben
hatten.
Nach der Anlandung der Boote lud man die reiche Beute aus und brachte
sie in die Gerbereibaracke, wo einige Leute bereits warteten. Man
gab uns zu verstehen, dass wir uns schlafen legen sollten und bot
uns Feldbetten an, die alles andere als einladend aussahen. Da uns
sowieso nicht nach schlafen zumute war, zogen wir es vor, uns in
den Urwald zurückzuziehen, wo wir uns unbeobachtet fühlten. Wir
brauchten Zeit um dieses Schockerlebnis zu verarbeiten.
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